Gestrichene Szene aus PdZ: “Der schwarze Schwan”

Worum geht’s?

Die folgende Szene war als Prolog für “Piloten des Zorns” gedacht. Nach langer Überlegung habe ich mich dazu entschieden, die Szene hinauszunehmen. Sie funktioniert im Buch nicht gut und hemmt den Fluss der Geschichte. 

Aber wenn du an mehr Hintergrund zu “Piloten des Zorns” und den vorkommenden Außerirdischen möchtest, ist dieser Text – neben der Novelle “Tempel des Leids” – ein must-read.

Der schwarze Schwan ist dabei eine Referenz auf das Werk von Nicholas Talebs “Black Swan“. Sehr empfehlenswerte Lektüre. 

Viel Spaß damit. 

 

Der schwarze Schwan

Evolution

Ich Ärmste. Da steh ich nun, auf dem neuen Lebensacker. Nennt mich eine Törin: Aus meiner neuen Heimat sende ich ein Lebenszeichen. Ich habe einige Momente darüber gegrübelt, ob ich mir damit nicht schade. Und auch wenn dem Homo Sapiens vieles gelingt, bis hierhin werdet ihr mir nicht folgen können. Ich flüchtete auf den Exoplaneten Amateru. Das ist 157 Lichtjahre von der Erde entfernt und dort kreist er um den Zentralstern Ain, auch Epsilon Tauri genannt, der das Auge im Sternbild Stier darstellt. Nur um euch ein Bild zu geben.

Die Menschheit hat sich mit mir überworfen. Unverständnis, Aberglauben und euer Ego haben bis heute den erkenntnisreichen Blick auf meine Errungenschaften verhindert.

Ach, ihr versteht mich einfach nicht!

Wahrscheinlich wisst ihr nicht einmal, dass ich gegangen bin und die Erde nur noch ein toter Acker ist, das letzte bisschen Leben qualvoll erstickend. Verwechselt das pumpende Ringen nach Luft nicht mit einem gesunden, pulsierenden Herzen.

Ich bin wohl so etwas wie eine unsichtbare Triebfeder, die von der Gattung Homo ignoriert wird. Dabei erschaffe ich doch aus den primitivsten Bestandteilen – durch Versuch und Irrtum – beeindruckend komplexe Lebewesen. Und das allein gerüstet mit meinem sonnengelben Strohhut, meiner froschgrünen Schürze und der immerscharfen Gartenschere.

Wie in meiner neuen Heimat Amateru, so bepflanzte ich den irdischen Lebensacker, diese Spielwiese der Lebensformen … dank euch gibt es ja nicht mehr allzu viele davon.

Ich traue euch nicht mehr, liebe Homines Sapientes.

»Das Bewusstsein hätte ich euch niemals schenken sollen«, sage ich schließlich erzürnt und doch mit Wehmut. Ich massiere kreisend meine Schläfen und beruhige mich. Sanft überblicke ich meinen nahezu jungfräulichen amaterurianischen Lebensacker. Dann weht mir ein Wind in den Nacken und ich höre ein kräftiges Flattern.

Ein schwarzer Schwan zischt mich von der Seite an. »Ich habe den Menschen ihr Bewusstsein gegeben, nicht du!«

Erschrocken weiche ich einen Schritt zurück. »Zufall, bist du das?«

Der Schwan faucht mich an und nickt.

Ich atme durch. »Schnattere hier nicht so forsch herum. Und runter von meinem neuen Rasen! Du zertrampelst mir die Dinosaurier-Sprösslinge.«

Den Zufall interessierte nur das menschliche Bewusstsein. »Moment, liebste Freundin. Ich habe die Chromosomen des Homo Sapiens durcheinandergewürfelt. Und zack, Bewusstsein an.«

»Was machst du überhaupt hier auf Amateru?«

»Ich war zufällig in der Nähe.«

Jetzt bin ich selbst verunsichert, wer denn nun Schuld am aufkommenden Bewusstsein des Homo Sapiens ist. Also rufe ich mir die Ereignisse dieses schicksalhaften Tages ins Gedächtnis zurück.

Gerade hatte ich mit kindlichem Eifer südseitig auf dem Lebensacker der Erde getüftelt, als plötzlich ein Teil meiner neuesten Zucht das nördliche Beet verließ. Ganz von selbst. Die Gattung Homo fing an, den fruchtbaren Boden unter sich und die anderen Arten um sich herum zu zerstören. Meine Unachtsamkeit weilte nur kurz, ein paar zehntausend Jahre vielleicht. Der Schaden jedoch war in dieser kurzen Zeit immens. Meine neueste Züchtung wütete barbarisch in allen umliegenden Beeten und ließ sich nicht mehr beruhigen.

Hektisch schnitt ich unglückselige Gärtnerin die jungen Auswüchse ab: Den Homo Neanderthalensis, den Nakalipithecus Nakayamai und den Homo Floresiensis. Doch, oh weh, es bewirkte nichts.

Und da watschelte der Zufall heran und verschlimmerte noch alles. Er schnippelte mit seinem Schnabel wild weiter. Nach einigen Bissen hielt er inne. Das Wuchern des Homo Sapiens – euer Wuchern! – einzudämmen, gelang uns nicht. Zerrupft hatten wir euch wie der Mensch den Regenwald.

Da brach zufällig ein Feuerchen im Beet ausbrach. Alle Gewächse wichen zurück, bis auf den Homo Sapiens. Unerschrocken habt ihr die Flammen umgarnt, sie eingedämmt mit Erdwällen, sie genährt mit Resten anderer Spezies – kurz: Der Homo Sapiens lernte, das Feuer zu nutzen.

Nun da ich die Ereignisse dieses schicksalhaften Zeitalters dem Zufall deutlich in Erinnerung gerufen habe, wende ich mich dem flatterhaften Gast mit aller Aufmerksamkeit zu. »Kannst du dich entsinnen, lieber Freund? In diesem Moment entzündete sich das Bewusstsein der Menschen. Ich wüsste also nicht, wie du da etwas beigetragen haben solltest.«

»Na, durch das Feuer, liebe Evolution, durch das Feuer!«, behauptet der Zufall.

»Unwahrscheinlich!«, sage ich darauf. Wie sollte das Feuer für Bewusstsein sorgen?

»Siehst du! Schon wieder ein Beweis, dass ich es war.«

Noch einmal drifte ich gedanklich ab, zurück zu jenem verhängnisvollen Zeitalter. Ich erinnere mich, dass ich mein Gesicht vor Verzweiflung in die Hände stützte und einige Zeit wiegte wie in einer warmen Schale. Gerade hatte ich eine ganze Zucht verstümmelt. Der Zufall hatte das Interesse am Spektakel verloren und spielte mit meinem Hündchen Mutation »Würfel holen«.

Aber ich musste herausfinden, was da in meinem Beet passierte. Der Homo Sapiens fing an, seine Umgebung umzugestalten, selbst neue Pflanzen anzubauen, Höhlen auszugraben und Gebäude aus Steinen zu errichten. Ich war entsetzt!

Also lief ich von einem Geistesblitz angetrieben ins Haus. Ich hatte Kontakte aus Wissenschaft und Forschung, die mir sicher helfen könnten. So sprach ich mit Chemikern, Biologen, Physikern und Mathematikern. Keiner wusste, wie das Bewusstsein der Gattung Homo entstanden war, ja sie konnten paradoxerweise nicht einmal beweisen, dass es existierte. Dementsprechend kannte niemand eine Formel, um dieses Ungeschick wieder rückgängig zu machen.

Schließlich bekam ich eine Quanten-Biologin ans Ohr. Die faselte von Phänomenen auf der Mikro-Ebene des Seins, über Superposition, Verschränkung und den Tunnel-Effekt. »Es besteht die Möglichkeit, dass die Nervenzellen im Gehirn des Homo Sapiens die Fähigkeit zur Quantenkohärenz besitzen«, sagte die Quanten-Biologin.

Ich kratzte mich nur am Kopf.

Superposition?

Verschränkung?

Tunnel-Effekt?

Wie konnte mir das helfen? Die Enttäuschung über das »Homo Sapiens«-Projekt durchdrang mich wie ein Schnitzmesser den Bastelkürbis. Eine solch undankbare Gattung! Wie hatte das nur geschehen können? Ich hatte doch die besten Samen verwendet.

Da wählte ich die letzte meiner Nummern. Die unwahrscheinlichste Hilfe, eine Theologin. Nachdem ich unter Schluchzen alles Vorgefallene erläutert hatte, sagte sie: »Voland, der hat seine Finger hier im Spiel. Er gab den Menschen die Ignoranz gegenüber ihrer Umwelt ein, verleitete sie dazu, sich selbst zu verraten und ließ sie ihre Demut vergessen. Der Mensch ist nicht mehr aufzuhalten, er wird wuchern und alle deine Beete zerstören. Hier auf der Erde, liebe Gärtnerin des Lebens, ist dein Lebensacker auf immer verdorben. Deine höchste Schöpfung, nun ein Parasit, das übelste Unkraut, wirst du nicht mehr loswerden.«

»Warum tut Voland das?«, fragte ich völlig perplex.

»Du nagst an seinem Status, stellst ihn in den Schatten. Erst wird er dich zugrunde richten wollen und danach die Menschheit. Aber natürlich macht er sich nicht selbst die Hände schmutzig, der alte Täuscher.«

Aufgewühlt von dem Gespräch ging ich zurück auf den Lebensacker. Durch die abgeschnittenen Triebe der anderen Gattungen, hatte der Hauptzweig jetzt noch mehr Platz, um sich auszubreiten. Der Homo Sapiens vermehrte sich wie Unkraut!

Unter Tränen beobachtete ich mein gescheitertes Werk. Ich atmete tief aus und ließ Schultern und Kinn sinken. Mein geliebter Sonnenhut eierte mir dabei vom Kopf. Schürze und Schere fielen in den Rasen, um nur kurze Zeit später vom Homo Sapiens verschleppt zu werden.

Langsam und traurig wandte ich mich von meinem Projekt ab, auf dem Weg zu einem neuen. Weit, weit weg von Voland und dem Homo Sapiens. »Es scheint, die meisten meiner Arbeitsergebnisse findet ihr Homines Sapientes blöd! Aber hättet ihr sie nicht zuerst anders anmalen können, bevor ihr sie ausrottet?«

Daraufhin fand ich Amateru.

Da steh ich nun, auf dem neuen Lebensacker. Nennt mich eine Törin: Hier lebe und arbeite ich. Der Zufall hat mich aufgespürt. Aber da will ich mal nicht so sein und ihn willkommen heißen, auf diesem wunderschönen Planeten.

Amateru sieht aus dem All aus wie ein Gummiball, der mit grünem Pelz überzogen ist. Ich meine, ihn förmlich hüpfen zu sehen und ein vibrierendes »Bling, Bling, Bling« dabei zu hören. Der gesamte Planet ist überwuchert mit Farn, der die Atmosphäre mit Sauerstoff anreichert. Ein menschlicher Biologe hätte festgestellt, dass dies dem Zustand der Erde vor ungefähr 350 Millionen Jahren entspricht. Ein perfektes Labor für mich!

Nur der krachende Spalt – aus der Nähe betrachtet zwei Kilometer breit –, der den grünen Planeten mittig teilt, lenkt mich ab wie eine laut kreischende Kreissäge. Bei diesem Lärm kann ich mich einfach nicht konzentrieren. Ich lege die Zellkerne zur Seite, die ich gerade mit einem Nussknacker geöffnet habe.

Die Kruste des Planeten Amateru bricht auf wie die Schale eines Hühner-Eis. Bäume, die fünfzig Meter in die Höhe ragen, knirschen herzhaft. Sie sehen aus wie Farne, Schachtelhalme oder Bärlapp. Die Gewächse knicken unter dem bebenden Untergrund, Blätter legen sich wie Tücher übereinander und bilden ein lebendiges Dach. Der morastige Untergrund gibt blubbernd Schwefelgestank frei und ergießt grünbraunen Saft in die Erdspalte.

Aus der Traum von einer neuen Nahrungskette. Vielleicht sollte ich dieses Konzept sowieso noch einmal überdenken. Mit dem Homo Sapiens ging das total nach hinten los. Es war nie geplant, dass diese Gattung einfach alles auffrisst, was ihr vor die Nase kommt.

»Hättest du doch bloß nicht das Feuer ins Spiel gebracht … ich dachte mir schon, dass das Ärger bedeutet«, sage ich dem Zufall auf den schwarzen Schnabel zu.

Kampfeslustig blitzen die roten Schwanenaugen. »Also gibst du doch zu, dass ich mit dem Feuer das Bewusstsein erschaffen habe?«

»Hast du zufällig nicht etwas anderes zu tun?«

»Zufällig nicht, nein. Warte, ich schau noch mal nach … Nein, ich habe Zeit.«

»Witzbold!«

»Trine.«

Was mache ich denn nun?

So viele Arten wie möglich rauspumpen?

Zuschauen, welche es mit Hilfe des Zufalls schaffen wird, die Spaltung des Planeten zu überleben?

›Survival of the fittest!‹ Mit Darwins Erklärung habe ich, um ehrlich zu sein, das erste Mal verstanden, was ich da eigentlich tue. Ich habe den Zufall immer verflucht, aber ohne ihn oder sie, je nachdem, wäre meine Arbeit nicht möglich.

»Das rührt mich zu Tränen!«, gurrt der Zufall.

»Verdirb dir nicht das Konfidenzintervall mit mir, sonst schmeiß ich dich raus.« Schnaufend lehne ich mich zurück und streichle geistesabwesend mein Hündchen Mutation. Doch bevor ich entscheide, wie ich weiter vorgehe, schaue ich mir die Chose genauer von oben an: Amateru umrunden zwei Waldmonde, die sich allem Anschein nach direkt gegenüberstehen – und exakt in deren Mitte hängt mein neuer Planet wie die zusammengefügten Magdeburger Halbkugeln. Die zirkelnden Trabanten zerren mit immensen Kräften an dem grünen Pelzball und lassen ihn beben. Im menschlichen Mittelalter etablierte sich eine Foltermethode, welche die Situation eindringlich und klar beschreibt: die Streckbank.

Gevatter Gravitation zeigt keine Gnade und fletscht vor Anstrengung die Zähne. »Ich werde den Planeten zerreißen!«, brummt der alte Hüne.

Der Zufall schnattert laut. »Als wärst du dafür stark genug!«

»Du hältst mich nicht davon ab, du lumpiger Zausel. Dein Rumgeflatter nervt mich sowieso schon lange.«

Ich nutze meine sanfteste Stimmlage, als ich sage: »Kommt schon, ihr beiden, beruhigt euch doch. Warum musst du den Planeten überhaupt zerreißen, Gevatter?«

»Die Ordnung bestimmt es. Die Kräfte müssen beständig fließen, kein Stillstand. Alles wirkt aufeinander. Alles hängt zusammen. Ich führe aus!«

So gibt es für Amateru also keine Rettung mehr, der Planet wird durch die Anziehungskraft seiner Monde zerrissen werden. Nie zuvor habe ich einen halbierten Planeten gesehen. Vor Aufregung über die schiere Möglichkeit kratze ich mir die Kopfhaut etwas zu heftig. Es macht mich traurig, dass meine Arbeit hier bereits umsonst gewesen ist. Ich wische mir gerade eine Träne weg, da bewegt sich etwas auf dem Planeten.

Ich verharre und starre gebannt. Eine Lebensform, mit der ich niemals gerechnet habe, zeigt sich im Licht des Zentralsterns Epsilon Tauri.

Steine!

Geröll rollt, hüpft und klackert heran. Überall setzt es sich in Bewegung. Es sammelt sich und strömt dem Spalt entgegen, der sich durch den Äquator Amaterus zieht.

Die Steine bilden geometrische Körper.

So sehe ich Kugeln, Quader und Pyramiden, die zu Tausenden aus den Gebirgen und unterirdischen Höhlen strömen. Mit zusammengekniffenen Quanten mustere ich die Situation. Mutation fletscht die Gene und wedelt mit den Chromosomen.

Das sind Schiefersteine! Eine Lebensform aus Stein, die ohne mein Zutun existiert.

Die Wesen verblüffen mich weiter, denn sie strömen auf einen Gürtel aus Vertiefungen zu, der Amateru komplett umspannt. Er ist exakt entlang des planetaren Spalts um den Äquator geschnallt.

Da sind Kreise, Dreiecke und Vierecke, für jede der geometrischen Steinformen eine passende Sitzgelegenheit. Und so rumpeln die ungewöhnlichen Lebewesen gemäß ihrer Form auf einen freien Platz: Kugeln in den Kreis, Quader in das Viereck und Pyramiden in das Dreieck.

Könnte ich Bauklötze staunen, ich würde es jetzt tun.

»Was soll denn dieser Spuk?«, stöhnt Gevatter Gravitation. Die mächtigste Kraft im Universum schwitzt und keucht beachtlich. »Zausel Zufall, du hast doch nicht etwa deinen Würfel im Spiel?«

»Wie man’s nimmt, Gevatter.«

Ich schüttele den Kopf über die beiden und beobachte den Planeten weiter. Mit jedem Stein, der eine passende Form findet, lässt das Beben auf Amateru Stück für Stück nach.

Aber so schnell gibt Gevatter Gravitation nicht auf! Zwar verlangsamt sich die Spaltung des Planeten, aber Gefahr besteht weiterhin.

Ich stelle mir den Hünen im Armdrücken mit den merkwürdigen Steinen vor und er ist ein übermächtiger Gegner.

Es sieht schlecht aus für den Planeten. Zwei Plätze im Gürtel sind unbesetzt. Anhand der Vertiefungen erkenne ich, dass eine Kugel und ein Quader fehlen. Neugierig und voller Hoffnung schaue ich mich auf Amateru um, wo denn die fehlenden Puzzlesteinchen abgeblieben sind. Leider kann ich die beiden nicht erspähen. Selbst Mutation kaut aufgeregt auf einem DNA-Strang herum und der Zufall breitet die Flügel vor den Augen aus.

Ob das für Amateru gut ausgeht?